Worum geht's hier eigentlich?

Tja, das ist schwer zu erklären. Letztendlich um ein bestimmtes Milieu oder eine "Szene", eine Erlebniswelt. Wie diese Bezeichnung vermuten läßt, muß man das alles erlebt haben, um es zu verstehen oder zumindest zu erahnen. Erklären kann man da recht wenig, trotzdem will ich es wenigstens ansatzweise versuchen.

Das ganze Phänomen nennt sich "Deutsche Jugendbewegung" und hat seine Wurzeln in der Wandervogelbewegung. Ende des 19. Jahrhunderts fanden sich in Deutschland Gruppen junger Menschen (meist "höhere" Schüler oder Studenten) zusammen, um bewußt mit romantischen Fahrten in die freie Natur einen Kontrapunkt zu setzen zur verstädterten und spießigen wilhelminischen Gesellschaft. Einen ersten Höhepunkt erreichte diese Bewegung 1913 bei ihrem Treffen auf dem "Hohen Meißner", einem Berg bei Kassel. Dort fand man als eine Art eigenes "Glaubensbekenntnis" die sogenannte "Meißner Formel":

Die Freideutsche Jugend will ihr Leben führen
- aus eigener Bestimmung
- vor eigener Verantwortung
- mit innerer Wahrhaftigkeit

Diese Worte spielen noch heute in der Jugendbewegung eine zentrale Rolle.

Parallel dazu entstanden auch in Deutschland die ersten Pfadfindergruppen nach dem Vorbild des englischen Kolonialoffiziers Baden-Powell. Weit davon entfernt, militaristisch zu sein oder die Jugendlichen in diese Richtung erziehen zu wollen, bildeten sie doch mit ihren militärisch strengen Formen einen deutlichen Kontrast zu den bunten und ungezwungen auftretenden Wandervögeln.

Nach dem ersten Weltkrieg, den viele Wandervögel trotz ihrer ablehnenden Haltung zur wilhelminischen Gesellschaft zunächst begeistert mitgemacht hatten, setzte in der deutschen Jugend eine Phase der Neuorientierung ein. Trotz ihrer Gegensätzlichkeit befruchteten sich dabei die Wandervogelbewegung und die Pfadfinderei gegenseitig, so daß ein völlig neuer, nur in Deutschland (inkl. Österreich) vorkommender Typ von Jugendgruppen entstand. Diese nannte man die "Bündische Jugend". Eine Vielzahl von Bünden und Gruppen entstand. Ihnen allen war gemeinsam, daß sie mehr sein wollten als pure Freizeitbeschäftigung, sondern stets auf der Suche nach einem "besseren Menschenbild" waren. Die Gemeinschaft, in der sie versuchen wollten, ihre gesellschaftlichen Visionen umzusetzen war für die meisten ganz selbstverständlich das deutsche Volk. Zu Unrecht wurde und wird diesen Gruppen und ihren Vordenkern daher oft der Vorwurf gemacht, sie seinen Wegbereiter oder gar geistige Verwandte des Nationalsozialismus gewesen.

Ende der zwanziger Jahre entstand unter Eberhard Koebel (genannt "tusk") die dritte Einflußrichtung der heutigen bündischen Szene: die Jungenschaft.

Ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte der bündischen Jugend war die Machtergreifung der Nationalsozialisten Anfang 1933. Herrschte auch hier und da anfangs noch Begeisterung für Hitlers selbstbewußten Kurs, so zeigt sich doch bald, daß die Vorstellung von einem Leben nach "eigener Bestimmung" nicht mit den Wesenszügen einer Diktatur harmonierte. Die einzelnen Bünde wurden recht schnell verboten. Teilweise versuchte man, durch geschlossenen Übertritt in die Hitlerjugend den "bündischen Fahrtenbetrieb" aufrecht zu erhalten, bis klar wurde, wer bei diesem Weg der Sieger bleiben würde. Nichtsdestotrotz beschäftigten die zahlreichen illegalen bündischen Gruppen die Gestapo bis weit in den zweiten Weltkrieg hinein.

Der Neuanfang nach dem Krieg war schwierig. Viele Ältere waren gefallen oder im KZ ermordert worden. Die Kontaktaufnahme untereinander war nach dem verlorenen Krieg und der Einteilung Deutschlands in Besatzungszonen erschwert. Die potentiellen Gruppenmitglieder waren Jungen und Mädchen, die mit der HJ groß geworden waren und denen ihr Weltbild gerade gründlich durcheinandergekommen war. Dennoch gelang der Neuanfang und es enstanden oder reaktivierten sich zahlreiche bündische Gruppen.

Die bündische Szene heute stellt sich dar als ein bunter Mischmasch der unterschiedlichsten Charaktere und Gruppierungen. Es gibt unzählige Gruppen, vom "großen" Wandervogel- oder Pfadfinderbund bis zu kleinsten "VW-Bus-Bünden", teilweise bieten auch die großen deutschen Pfadfinderverbände in ihren Reihen genug Freiraum für bündisches Leben. Alle berufen sich dabei auf die Traditionen der bündischen Jugend. Teilweise handelt es sich dabei um das bloße Abkupfern von Äußerlichkeiten; teilweise wird aber auch mit großer Ernsthaftigkeit an dem selbst gegebenen Selbst-Erziehungsauftrag hin zu einem selbstbestimmten und verantwortungsbewußten Leben gearbeitet. Es gibt Inititativen, Arbeitskreise und Veröffentlichungen mit hohem Niveau. Die bündische Singe- und Festkultur entfaltet sich auf zahlreichen überbündischen Treffen. Die nachwievor ungebrochene musikalische Schaffenskraft dokumentiert sich auf zahlreichen Tonträgern. Insgesamt sieht die Zukunft der bündischen Jugend garnicht so schlecht aus.

Wer nach dem Lesen dieser Zeilen immer noch Bahnhof versteht, sei getröstet: wie schon gesagt, handelt es sich um eine Erlebniswelt, die schwer beschreibbar ist. Wer zu dem geschriebenen Anmerkungen oder Ergänzungen hat, darf mir gerne mailen.
 
 


Erstellt am 16. April 1999 von hüby
Letzte Änderung am 26. Februar 2001
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