Disclaimer

oder

Die Bünde und das Internet

Vorbemerkung für alle, die diese Seite vor dem Hintergrund lesen, daß der Autor mittlerweile der Bundesbeauftragte für das Internet des Deutschen Pfadfinderbundes ist und nun etwas erschrocken sind: Diese Seite entstand lange Zeit vor meiner Berufung zum BBI und unmittelbar nach einer etwas hitzigen Diskussion zu diesem Thema mit Leuten, die nie zuvor eine Webseite gesehen hatten, aber trotzdem alles besser wussten. Da ich also beim Schreiben in einer etwas komischen Stimmung war, ist manches hier (getreu dem Motto "Warum denn sachlich, wenn's auch persönlich geht?") etwas überspitzt formuliert...

To disclaim...

...heißt auf deutsch "etwas abstreiten" und demzufolge ist ein Disclaimer eine Erklärung, von was sich der Ersteller einer Webseite ausdrücklich distanziert. Ich nutze dies aber hier gleich für ein paar weiterführende Gedanken.
Aber zunächst einmal streite ich ab, daß diese WWW-Seiten irgend einen offiziellen Bezug zu meinem Bund, dem Deutschen Pfadfinderbund, oder meiner Gruppe, dem Ring Florian Geyer, haben. Alles was hier steht, ist meine persönliche Meinung und wird von mir ganz allein verantwortet.

Das Internet und ich

Im Internet bewege ich persönlich mich seit Anfang 1993. Damit gehöre ich zwar nicht zum Urgestein dieses Mediums, habe aber seinen Wandel vom wissenschaftlichen Informationsmedium zum Massenmedium intensiv verfolgt. Vor allem die Entstehung und das Wachstum des WorldWideWeb (ja tatsächlich: es gab auch mal Internet ohne WWW!) habe ich dabei aktiv als studentische Hilfskraft mit Aufgabenschwerpunkt Systemadministration an einem Ingenieur-Lehrstuhl der Ruhr-Uni Bochum hautnah miterlebt. Von daher maße ich es mir an, kompetent über dieses Medium urteilen zu können, da ich nicht nur die negativen Erscheinungen des Internet als Massenveranstaltung, sondern auch seine Stärken und Vorteile aus erster Hand kenne.

Ist das Internet schlecht?

Ganz klare Antwort: Nein! Genau wie im Internet gibt es bei den "klassischen" Medien (Rundfunk, Fernsehen, Zeitschriften, Bücher) gute und schlechte Beispiele von Publikationen. So gibt es ausgesprochen miese Sendungen, wie "Big Brother", andererseits aber auch hochinteressante Fernsehdokumentationen. Es gibt niveaulose Zeitschriften, wie das Zeitgeist-Magazin "Fit For Fun" und erstklassige Fachzeitschriften. Auch im Jugendbereich gibt es neben Massenpublikationen wie "Bravo" so anspruchsvolle Veröffentlichungen wie den "eisbrecher".
Im Prinzip ist das im Internet nicht anders. Nur gibt es einen entscheidenden Unterschied: während das Publizieren bei den klassischen Medien mit einem relativ hohen Kostenaufwand und finanziellen Risiko verbunden ist und es in Form von Lektoren, Verlegern und Redakteuren eine Qualitätshürde zu nehmen gilt, kann im Internet jeder ohne großen Aufwand publizieren. Das führt leider dazu, daß sehr viele Leute WWW-Seiten absondern, obwohl sie nichts Mitteilenswertes zu verkünden haben und/oder ihr Geisteszustand so ist, daß sie besser nichts publizieren sollten. Oft paart sich das noch mit einem absonderlichen Geschmack, was graphische Gestaltung angeht und sprachlichem Unvermögen. Von daher sind die meisten WWW-Publikationen qualitativ einfach schlecht. Aber: das hat nichts mit dem Internet an und für sich zu tun. Es liegt an den Leuten. Aber zur Beruhigung sei gesagt, daß uns die Amerikaner auch auf diesem Gebiet um Längen voraus sind...

Die "Bündischen" und das WWW

Kurz und knapp gesagt: Die einen hassen das Internet, die anderen sind närrisch hinterher. Ein vernünftiger Umgang mit diesem Medium innerhalb der Bünde ist eine Seltenheit. Am Ende der Seite habe ich aber dennoch ein paar hoffnungsvolle Beispiele aufgeführt.

Die Internet-Hasser

Das sind die, die das Internet aus Prinzip ablehnen und es komplett ignorieren. Am Ende müßten sie ja noch ihre Meinung revidieren. Sie sind stolz darauf "selbstbestimmt" zu sein und nicht wie Boris und die Massen "drin" zu sein. Schließlich ist man ja bündisch, rennt nicht jedem Massentrend hinterher und Karl Fischer, Oelb oder der eigene Bundesgründer hat ja auch nie eine WWW-Seite veröffentlicht. In ihrer blindwütigen Ablehnung alles Neuen unterscheiden sie sich im Grunde nicht von denen, die jedem Trend hinterherrennen. Nur, daß sie sich letzteren natürlich hoffnungslos überlegen fühlen, weil sie ja "aus eigener Bestimmung" handeln. Im Ernst: die Unfähigkeit oder Unwilligkeit zu einer differenzierten Betrachtungsweise ist manchmal schon erschreckend und läßt für die Zukunft der Jugendbewegung eigentlich nichts Gutes hoffen.

Die Internet-Narren

Sie sind mit ihrem unreflektierten Getue eigentlich noch schlimmer, weil sie tierisch nerven und den Internet-Hassern immer wieder gute Argumente für deren Sichtweise liefern. Das sind die, die einfach eine Homepage haben "müssen", weil sie sonst ihrem Image als moderner Jugendverband oder aufgeschlossene Menschen nicht gerecht werden. Glauben sie jedenfalls. Das Ergebnis sind tausende von immer gleichen Stammes-Homepages, die eigentlich nur einem Zweck dienen: zu beweisen, daß dieser Stamm existiert. Der Inhalt ist vorhersehbar: Das sind unsere Gruppen, das sind unsere 10 Lieblingslieder, die alle anderen aber auch singen, das sind die Bilder von unserem letzten Sommerlager, die aber eigentlich auch keinen wirklich interessieren. Außer vielleicht diejenigen, die sich anhand der Klufttragequote der abgebildeten Personen schonmal ihr Vorurteil über die betreffende Gruppe bilden wollen. Ein Auge zudrücken kann bei solchen Machwerken vielleicht, wenn sie von Pimpfen produziert wurden, die dabei hoffentlich wenigstens gelernt haben, wie man etwas publizieren könnte, wenn man denn etwas zu publizieren hätte.
Die nächste Steigerung dieser Leute sind dann Internetaktivitäten der ganzen Gruppe, zum Beispiel das "Jamboree on the Internet" (JOTI) der großen Pfadfinderverbände. Das konzeptlose Geschwafel über Belanglosigkeiten wird angeblich dadurch aufgewertet, daß der Mensch am anderen Ende der Leitung auch Pfadfinder ist und in Südamerika sitzt. Frei nach dem Motto: "Jeder Schwachsinn wird gut, wenn er denn nur völkerverbindend ist."

Und was ist jetzt sinnvoll?

Das ist die Frage, die sich nach der Schilderung dieser Extreme aufdrängt. Fakt ist: wir leben in einer Medien- und Informationsgesellschaft und nicht in einem bündischen Wolkenkuckucksheim, ob uns das nun paßt oder nicht. Wenn sich die Jugendbewegung schon von dem hehren Ziel abgewandt hat, die Gesellschaft zu verändern, so haben wir doch zumindest die Verpflichtung, unsere Mitglieder in einen Zustand zu versetzen, sich in dieser Medien- und Informationsgesellschaft zurechtzufinden. Noch besser ist es, wenn sie bei uns lernen, diese Medien- und Informationsgesellschaft im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten und in ihrem persönlichen Umfeld verantwortlich mitzugestalten. Spätestens mit dem Anlaufen der Aktion "Schulen ans Netz" wird sowieso jeder Pimpf seine Internet-Erfahrungen sammeln und ob im schulischen Umfeld nur sinnvoller Umgang mit dem Netz erfolgt, ist doch sehr zweifelhaft.
Es gilt, einen gesunden Mittelweg zwischen totaler Ablehnung aus falsch verstandenem Traditionsbewußtsein und blindem Trend-Mitmachen zu finden.
Es gilt, die positiven Seiten des Internet gegenüber seinem Konsum-Charakter in den Vordergrund zu rücken: die gigantische Menge an frei nutzbaren sinnvollen Informationen.
Es gilt, Kompetenz zu schaffen, sich ausdrücken und publizieren zu können. Nicht nur im Internet, auch in Gruppen-Zeitschriften. Natürlich muß dazu Publizierenswertes vorliegen. Das ist immer der erste Schritt.
Es gilt vor allem, nicht zu resignieren und damit das Internet den Schwachköpfen zu überlassen, die für seinen schlechten Ruf verantwortlich sind.

Ein paar Links,...

...die meiner Meinung nach ganz gut dokumentieren, was ich mir unter einem sinnvollen Umgang mit dem Netz vorstelle. Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wird bei Gelegenheit erweitert.
Erstellt am 17. März 2000 von hüby
Letzte Änderung am 4. Januer 2002
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