Grau schimmerten die Felsen und das Meer...

Der Fahrtenstamm Bjørgvin in Norwegen

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 Der Fahrtenstamm Bjørgvin, das sind die Wanderfalken, nämlich Hüby (gleichzeitig Stammesführer), Daniel und Martin, der gleich seine Horte Kon-Tiki mitgebracht hat: Tim, Flo, Felix, Dieter, David und Kim. Ferner gehört noch die Horte Ra dazu: Dito, Töpper, Jonathan, Jan, Sebastian und die beiden Hortenführer Stefan C. und Stefan P. Diese beiden bilden zusammen mit den Wanderfalken die Älterenhorte Asgard. Alles klar? Los geht's!

Freitag, 25. Juli 1997

Während an der Oder "Land unter" ist, treffen wir uns bei bestem Wetter zusammen mit den "Roten Milanen" am Jugendheim. Ali und Ecki wollen uns nach Espelkamp bei Minden bringen. Dort soll ein Bus auf uns warten, der in Schweden andere Pfadfinder abholt und uns mit hoch nimmt. Die Betonung liegt auf "soll", denn als wir in Espelkamp ankommen, ist natürlich kein Bus da. Irgendwas ist schiefgegangen. Der Disponent des Busunternehmens telefoniert eine Weile, dann ist klar: der Bus nimmt uns in Bremen an Bord. Ecki ist begeistert: "Wohin soll ich fahren? Nach Bremen? Welches Bremen? DAS Bremen???" - "Ja Ecki, DAS Bremen!" Weiter geht die Fahrt. Wir lauschen Eckis Empfehlungen zum Hochwasserschutz. Silikon in die Fensterdichtungen und so. Alles klar. In Bremen treffen wir tatsächlich Arthur und Sammy und ihren Bus. Über die Vogelfluglinie geht es bis Helsingør.

Samstag, 26. Juli 1997

Der Tag beginnt auf der Fähre Helsingør - Helsingborg. Ein Lichtermeer liegt vor uns. Wir genießen die sternklare Nacht. Eigentlich sollten wir schon längst am Bahnhof von Helsingborg sein; um 1h10 geht unser Zug. Eine Viertelstunde vorher kommen wir an und besteigen den Zug zu einer kleinen Schweden-Rundreise. Bald schlafen alle. Irgendwann wacht Hüby auf: draußen ist alles taghell. Ein Blick auf die Uhr: halb fünf. Die Schweden haben das mit hell und dunkel offenbar nicht im Griff. In den Morgenstunden steigen wir zweimal um und erreichen gegen Mittag Oslo. Wir kaufen ein. Alles ist ziemlich teuer. Hüby schaut immer nur auf den Kilopreis und kauft Schafsalami und Løkpölse. Noch ahnen wir nicht, daß uns das Zeug später in unseren Träumen verfolgt. Wir trennen uns von den Roten Milanen und fahren mit dem Nachmittagszug nach Bergen. Die Fahrt geht in 1200 Meter Höhe über das Fjell. Schneefelder beherrschen das Bild. In Bergen treffen wir abends unseren Quartiermeister Stefan P., der schon vorher drei Wochen in Norwegen war. Er hat uns im Heim der Bergener Pfadfinder untergebracht. Keine schlechte Idee. Heute regnet es zum ersten Mal seit drei Wochen. Damit hat Bergen sein Soll an regenfreien Tagen für dieses Jahr erfüllt. Die Leute scheinen den Niederschlag auch irgendwie vermißt zu haben und springen auf der Straße herum.

Sonntag, 27. Juli 1997

Sightseeing in Bergen. Das Wetter ist wieder besser. Wir ziehen durch die Stadt. Eine Standseilbahn und ein Fotomodellwettbewerb erregen unsere Aufmerksamkeit. Die Jungs entdecken das Phänomen R-Gespräch: eine kostenlose Nummer wählen, den Operator die sorgenvollen Eltern anrufen lassen, ob diese die Gesprächskosten übernehmen. So spart man Taschengeld. Wir übernachten nochmals im Pfadfinderheim.

Montag, 28. Juli 1997

Heute geht es in die "Wildnis". Wir kaufen ein und erledigen die letzen Bankgeschäfte. Dann fahren wir mit dem Lokalzug nach Myrdal. Unterwegs steigen 250 britische Rentner zu. Wir beginnen die Touristen zu verfluchen und taufen das Standard-Touri-Programm "Norway In A Nut-Shell" (Norwegen in einer Nußschale) in "Norway In A Nuts-Hell" (Norwegen in der Verrückten-Hölle) um. Das trifft die Sache besser. Myrdal ist ein Bahnhof mit drei Häusern und nur mit dem Zug zu erreichen. Wir beginnen unsere Wanderung durch das Flåmsdalen. Bergab geht es an tollen Wasserfällen vorbei. Noch nehmen wir jeden wahr; bald werden sie zu selbstverständlichen Begleitern. Wir schlafen auf halber Strecke nach Flåm. Die Wasserfälle rauschen uns in den Schlaf.

Dienstag, 29. Juli 1997

Weiter geht es bergab. Jan vermißt sein Tamagotchi. Als Ersatz nimmt er Martins Fell. "Es hat Hunger, es muß essen", sagt er mit treuem Blick und stopft wiederholt Grashalme in die Fellrolle. Später bekommt das Fell Durst. Als Jan dem Fell mit Fanta helfen will, bereitet Martin dem Spuk ein Ende. Wir erreichen Flåm, einen kleinen Fährhafen und anscheinen Treffpunkt aller Norwegen-Touristen. Es wimmelt von Japanern. Am nächsten Tag wollen wir das Fjell überqueren und so kaufen wir nochmals ein. Dann fahren wir mit der "MS Skagastøl" durch den Aurlandsfjord und den Närøyfjord nach Gudvangen. Paul hat ein etwas schlechtes Gewissen, weil er Wochen vorher auf dem Schiff beim Anblick eines Japaners mit Wikinger-Plastikhelm vor Lachen einen Plastikstuhl geschrottet hat. Kurz vor Gudvangen wollen wir vom Schiff aus den Wanderweg begutachten, den wir gehen wollen. Daß es etwas steiler werden würde, hatte die Karte bereits vermuten lassen. Doch dort wo der Weg sein soll türmen sich Fjordwände tausend Meter hoch; ein Weg ist bestenfalls zu erahnen. Wir weichen auf Plan "B" aus: kleiner Bustransfer am nächsten Tag und auf einem ungefährlicheren Weg ins Fjell. In Gudvangen warten wir, bis die Tankstelle zumacht und bauen unser Zelt auf die große Wiese dahinter. Die Wanderfalken kommen auf die verrückte Idee, als Abendspaziergang noch eben einige hundert Meter den Berg über Schnee- und Geröllfelder bis zu einem Wasserfall hinaufzurennen. Nur leicht verletzt kommen sie wieder unten an.

Mittwoch, 30. Juli 1997

Der Bus fährt frühmorgens. Da wir auf der vielbefahrenen Europastraße nicht wandern wollen, benutzen wir ihn für die ersten Kilometer. Dann biegt eine Schotterstraße ins Fjell ab. Sie führt steil bergauf und durch einen etwa 400 Meter langen, stockfinsteren Tunnel. Wir stolpern langsam vorwärts. Der Tunnel macht eine Kurve, so daß man zeitweise weder Eingang noch Ausgang sieht. Das Feuerzeug macht nur deutlich, wie dunkel es wirklich ist. Schließlich kommen wir wieder ans Tageslicht. Durch weitere Tunnels, in denen uns auch noch ein Milchlaster überholt, geht es weiter bergauf. Da es zum ersten Mal auf der Fahrt wirklich warm wird, machen wir eine etwas ausgedehnte Mittagspause. Gegen Abend wandern wir weiter. Natürlich beginnt es prompt zu regnen. Wir schlagen die Jurte an einem einsamen Bergsee auf und fallen nach einer leckeren französischen Zwiebelsuppe todmüde in die Schlafsäcke.

Donnerstag, 31. Juli 1997

Es regnet immer noch. Die Berge sind wolkenverhangen, so daß man kaum den Weg erkennt. Da wir uns auch bei den Lebensmitteln verkalkuliert haben, beschließen wir umzukehren. Wieder geht es durch den Tunnel. Diesmal halten wir ein Auto an und bitten den Fahrer, mit Fernlicht hinter uns herzufahren. So kommen wir diesmal etwas schneller durch die Finsternis und erreichen die Europastraße. Wir fahren mit dem Bus nach Vinje. Die Fahrt über eine steile Paßstraße, die kaum breiter als der Bus ist, hinauf zum Stalheim-Hotel, wo der Busfahrer wegen der Aussicht eine Touristenpause macht. Da wir am nächsten Morgen mit dem Bus weiterfahren wollen, übernachten wir zentral neben der Tankstelle. Die zugehörige Toilette und ein kalter Gebirgsbach bieten die Möglichkeit zur Körperpflege.

Freitag, 1. August 1997

Der Tag beginnt um Mitternacht (logisch!) in der Telefonzelle. Jenny H. hat Geburtstag und wir wollen gratulieren. Natürlich per R-Gespräch, das wir nach der Fahrt bezahlen wollen. Leider übersehen wir, daß Jenny selbst auf Fahrt ist. Ihr Vater möchte nicht auf seine Kosten mitten in der Nacht mit Martin telefonieren (einen Namen muß man dem Operator ja angeben), und so scheitert dieses Telefonat. Am nächsten Morgen kaufen wir ein und fahren mit dem Expressbus in Richtung Vik. In einer Kurve hoch über dem Ort lassen wir uns absetzen (norwegische Busse halten zur Not überall) und wandern zu Tale. Der Weg zieht sich ein wenig, da er erst in ein Nebental führt. In Vik wollen wir einen Ruhe- und Waschtag einlegen und beschließen, mit der Campingplatzbesitzerin in Verhandlungen zu treten. Wir erzählen ihr eine rührende Geschichte von armen Pfadfindern und handeln sie von 380 auf 200 Kronen herunter. Hüby macht die ganze Aktion fast zunichte, als er die geforderten Scheine prompt aus einem dicken Geldbündel hervorzieht. Wir kochen Kaiserschmarrn à la Pfadfinder: so tun, als ob man Pfannekuchen machen will; am Ende zerbröselt sowieso alles.

Samstag, 2. August 1997

Wir nutzen den Ruhetag und kaufen ein, bummeln durch den Ort und lernen Leute kennen. Martin und Hüby kaufen sich ein echtes norwegisches Messer, das sogar schwimmen kann. Behaupten zumindest beide; ausprobieren wollen sie es nicht. Jonathan probiert das Messer als erstes aus. Versehentlich springt er mit dem Unterarm in die Klinge von Martins Neuerwerbung. Das Messer beweist Qualität: der Schnitt ist lang und tief, aber völlig glatt, tut kaum weh, läßt sich mit sechs Stichen prima nähen und verheilt völlig problemlos. Eine gute Wahl. Daniel versucht Geld abzuheben. Der Bankautomat ist dagegen und Daniel büßt aufgrund einer trotzigen Fehlbedienung seine Bankkarte ein. Da wir am Sonntag abreisen wollen, wird es ein Abschied für immer. Daniel bekommt einen Haß auf Automaten jeglicher Art. Martin und Daniel kochen. Es gibt Fisch. Statt eine Angel in den fünfzig Meter entfernten Fjord zu halten, laufen sie lieber durch den halben Ort und kaufen Fischstäbchen. Dafür ist das Essen mit "Liebe" gekocht. Danke auch an Siri!

Sonntag, 3. August 1997

Wir reisen mit dem Expressboot weiter. Keiner glaubt so recht an den Fahrplan, doch tatsächlich tutet es irgendwann und ein riesiger Katamaran schiebt sich an die einsame Kaimauer. In schneller Fahrt geht es nach Balestrand, wo wir bei strömendem Regen auf ein uraltes Postschiff umsteigen. Durch einen spiegelglatten Fjord geht es bis nach Fjærland, wo wir die Jurte aufschlagen. In dem Ort gibt es mehr Buchhandlungen als Einwohner. Wir stöbern in den Regalen herum. Abends spielen wir Fußball mit der Dorfjugend.

Montag, 4. August 1997

Nach dem Einkauf und dem Geldtausch marschieren wir weiter Richtung Jostedalsbreen, dem größten Gletscher Zentraleuropas. Wir müssen eine schmale, wacklige, schaukelnde Hängebrücke über einen reißenden Fluß überqueren. Zu allem Überfluß stehen auf der Brücke zwei Japaner und fangen an, für den unvermeidlichen Fotografen, der am Ufer steht zu hüpfen. Hätte die Horte Asgard nicht bereits das rettende Ufer erreicht gehabt, hätte dieses zu ernshaften Beeinträchtigungen des deutsch-japanischen Verhältnisses führen können. Während einer Wanderpause schlecken neugierige Kühe Daniels Rucksack ab. Der intensive Geruch nach Fleischbrühe hatte sie wohl angelockt. (Man kann Tupperdosen ordentlich verschließen. Muß man aber nicht.) Wir zelten in der Einsamkeit unterhalb einer Gletscherzunge, von der gelegentlich kleine Eislawinen über eine steile Felswand herabstürzen. Da die Vegatation um unsere Jurte herum noch intakt ist, beschließen wir, daß dies ungefährlich ist. Wegen des felsigen Bodens, der sogar Eckis Qualitätshäringen trotzt, spannen wir das Zelt mit großen Steinen ab. Martin, Stefan C., Daniel und Hüby wollen in dem etwa fünf Grad kalten Gletschersee baden. Zumindest hatten sie sich das in der Hitze des Tages gegenseitig versprochen. Jetzt in der Dämmerung sieht der See doppelt so kalt aus. Dennoch findet das Bade-"Vergnügen" statt. Die Standardprozedur ist folgende: Langsam in den See gehen, bis man zur Hüfte drin ist, sich umdrehen, ins Wasser werfen, schreien und zusehen, daß man Land gewinnt. Daniel wird hauptsächlich von dem Wunsch ins Wasser getrieben, seinen Schlappen zu retten, den irgendein Bösewicht hineingeworfen hat. Anschließend liegen alle im Schlafsack und zittern vor sich hin.

Dienstag, 5. August 1997

Wir stehen in aller Frühe auf und begeben uns ohne Gepäck auf eine Bergtour in die Nähe des Gletschers. Zum Glück sind wir oben, ehe die Sonne richtig herauskommt. Wir genießen das Naturschauspiel, das der Gletscher bietet. Martin und Stefan P. kaufen derweil im nächsten Ort ein. Abends sind alle von der Wanderung geschafft. Die meisten essen Spaghetti Bolognese mit Snurring, einer Fleischzubereitung, von der wir uns nicht nur wegen des Namens nicht sicher sind, ob es nicht doch Katzenfutter ist oder aus Katzen gemacht ist.

Mittwoch, 6. August 1997

Stefan C. wäscht sich die Haare im Fluß, der ihm früh am Morgen doch recht kalt vorkommt. Als er den Kopf wieder hebt, schwimmt eine Eisscholle vorbei. Das erklärt einiges. Wir wandern zurück. Die seltsame Hängebrücke umgehen wir geschickt. Mit einem Bus fahren wir durch einen etwa sechs Kilometer langen Tunnel nach Sogndal, mit etwa 6000 Einwohnern so etwas wie die Metropole der weiteren Umgebung. Die Zeltplatzsuche gestaltet sich schwierig. Hüby, Daniel und Martin entfernen sich dabei so weit vom Ort, daß sie in der Hitze lieber zurücktrampen. Wir überlegen, am Fluß unter der Brücke zu schlafen. Leider paßt die Jurte nicht drunter. Da wir auch wieder einen Haufen dreckige Wäsche haben, versuchen wir es nochmals auf dem Campingplatz. Wieder erzählen wir eine herzzerreißende Geschichte. Bei der Nennung des Übernachtungspreises erblassen wir zum Schein und geben vor, diesen Betrag vielleicht für beide Nächte aufbringen zu können, für eine Übernachtung sei das zu teuer. Der Trick wirkt, wir erhalten 50% Rabatt. Wieder unterläuft Hüby der Patzer mit dem Geldbündel. Abends sitzen wir am Fjord und singen. Später in der Nacht diskutieren wir mit einem Sternenexperten über große und noch größere Wagen und darüber, ob sich die Erde hier oben wegen der Kürze der Nacht schneller dreht. Da der Tag gleichzeitig länger ist, dreht sie sich vermutlich tagsüber zum Ausgleich langsamer!?! Oder hat das vielleicht ganz andere Gründe?

Donnerstag, 7. August 1997

Wir ruhen uns aus, baden und streifen durch den Ort. Nebenbei blockieren wir die Waschmaschine stundenlang. Um unsere Armut gegenüber dem Campingplatzbesitzer zu untermauern laufen einige barfuß in der Stadt herum. Martin und Hüby amüsieren sich dabei prächtig über Daniel, dem das nur unter komischen Verrenkungen gelingt. Hüby kocht provenzalische Knoblauchsuppe. Indem er dies unter der Wäscheleine tut, kontaminiert er einige Socken dauerhaft. Die Suppe schmeckt, zumindest bleibt sie in dauerhafter Erninnerung und bringt Hüby um ein Haar einen neuen Fahrtennamen ein. Stefan C. ist schon vorher schlecht. Aus Neugier probiert er dennoch zwei Löffel und entleert sich danach vollständig während der gesamten Nacht.

Freitag, 8. August 1997

Wir lassen den Tag ruhig angehen und fahren nachmittags mit dem Schnellboot nach Flåm. Die Fahrt macht großen Spaß. Das Ding fährt mit etwa 55 km/h und legt sich richtig in die Kurve. Wir sitzen auf dem Vorderdeck und lassen uns den Wind um die Nase wehen. In Flåm gehen uns wieder die Touristen auf die Nerven. Wir finden einen Platz etwas außerhalb des Ortes. Kaiser Wilhelm sei Dank dafür! Der ältere Bauer, den wir fragen, erweist sich nämlich als wahrer Fan des letzten deutschen Monarchen, der in dieser Gegend regelmäßig Urlaub machte. Freudig bemüht er sich, uns einen geeigneten Zeltplatz zu besorgen. Wir teilen ihn mit drei Schafen, die auf der Wiese umherziehen. Da Tim und Daniel zu oft über das Essen gemeckert haben, müssen sie heute kochen. Nun ist das Meckern an uns. Es gibt Reis mit Erbsen und Möhren und Hähnchen. Der Reis entpuppt sich als Milchreis. Von den Hähnchenbollen essen die meisten nur, bis sie auf rohes Fleisch treffen und geben den Rest an Martin weiter, der heute zum ersten Mal mit dem Essen rundum zufrieden scheint.

Samstag, 9. August 1997

Wir bestaunen die Touristen in Flåm und spielen Fußball. Zum Glück regnet es. Dadurch ist es wenigstens etwas kühler. Stefan P. kämpft mit der undichten Naht über seinem Schlafplatz und verliert. Nichtstun kann auch anstrengend sein, und so liegen alle früh im Bett.

Sonntag, 10. August 1997

Das Wetter bessert sich. Wir fahren mit der Flåmsbahn, der steilsten Eisenbahn der Welt über zwanzig Kilometer durch zwanzig Tunnel hinauf nach Myrdal. Die Landschaft ist einmalig. In Myrdal schlagen wir die Jurte an einem Bach auf und bekommen zum ersten Mal richtig Probleme mit Mücken und anderen stechfreudigen Insekten. Abends inszenieren wir eine Gerichtsverhandlung. Stefan P. und Stefan C. wollen Jonathan wegen "versuchten Totlaberns" bestraft sehen. Leider sagt der Zeuge Dito an der entscheidenden Stelle "Nein" statt "Ja", was die Verhandlung kippt. Eigentlich ist für die Ankläger sowieso nichts zu gewinnen, da Strafverteidiger Daniel den Geschworenen eine Tafel Schokolade versprochen hat. So wird der Angeklagte freigesprochen. Die Ankläger nehmen derweil Rache an dem unbotmäßigen Zeugen.

Montag, 11. August 1997

Wir machen ohne Gepäck eine ausgedehnte Bergwanderung. Ein guter Teil der Strecke führt über Schneefelder. Martin fällt darauf herein, daß in Norwegen ALLE Wanderwege mit einem roten T gekennzeichnet sind und biegt an einer Stelle mit seiner Horte falsch ab. Er ist schon fast in Oslo, als ihn Stefan C. wieder einfängt. Als wir wieder an der Jurte ankommen, bauen wir schleunigst ab und verlassen das Mückennest. Nachts wollen wir mit dem Zug nach Oslo fahren und so ziehen wir zum Bahnhof um. Wir kochen auf dem Bahnsteig und singen den Leuten etwas vor. Die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges zieht sich. Eine Mineralwasserquelle löscht wenigstens den Durst. Nach und nach schlafen alle in der Bahnhofshalle.

Dienstag 12. August 1997

Um 1h13 fährt unser Zug. Nur mühsam erwachen einige Leute aus dem Schlaf. Auch ein zünftiger Laurentia-Tanz hilft da nicht weiter. Wir wecken einen Touristen, der im Bahnhof schläft und fragen, ob er auch mit dem Nachtzug fahren will. Er verneint und es ist uns peinlich. Kaum in den Zug gestiegen, geht das Wecken weiter. Alle unsere reservierten Plätze sind besetzt. Ohne Widerworte und Schaffnerhilfe läßt sich die Situation klären. Bald schlafen alle, obwohl man regelmäßig fast aus dem Sessel fällt bei dem Tempo, mit dem der Lokführer durch tausend Kurven das Fjell hinunterdonnert. In einem verschlafenen Bahnhof kurz vor Oslo steigt Thomas mit seiner Gruppe zu. Freudiges Wiedersehen! Wir erreichen Oslo und belagern eine Ecke im Bahnhofsgebäude. Heute steht Kultur auf dem Programm. Wir besichtigen das Kon-Tiki-Museum, in dem die Namensgeber unserer Horten Ra und Kon-Tiki ausgestellt sind. Danach machen wir Oslo unsicher. Bei einer Hafenrundfahrt mit einer Barkasse bekommen Martin und Thomas fast einen Geschwindigkeitsrausch. Wir kochen vor dem Bahnhof eine seltsam aussehende Suppe und unterhalten uns mit einem Besoffenen, der früher selbst einmal Pfadfinderführer war. Er weist uns darauf hin, daß der Bahnhof nachts geschlossen wird. Wir verhandeln mit dem Sicherheitschef, einem gefährlich mit allerlei Ausrüstung behängten Mann, und erreichen das Unmögliche: wir dürfen tatsächlich auf dem Bahnhof nächtigen. Am Abend geben wir uns der Zivilisation hin und dinieren bei Burger-King. Aufgrund mangelnder Englischkenntnisse läßt sich Martin statt eines Cheeseburgers für 20 Kronen einen Whopper Cheese für 42 Kronen andrehen. Dafür kriegt er aber auch sechs Burger-King Kronen aus Pappe umsonst dazu, die Thomas und die Asgards als Zeichen ihrer Würde tragen.

Mittwoch, 13. August 1997

Wir fahren mit dem Frühzug ins schwedische Göteborg. Wir durchqueren die Stadt und lassen uns in einem riesigen Park häuslich nieder. Auf die Jurte verzichten wir aus Witterungs- und Tarnungsgründen. Wir erfreuen uns an den langen Öffnungszeiten der Geschäfte. Beim Kochen gesellt sich wieder ein Besoffener zu uns. Warum ziehen wir diese Typen eigentlich magisch an? Er labert uns die Ohren voll. Dann kriegt er seine Bewegungen nicht mehr koordiniert und stolpert im Rückwärtsgehen erst über die Gasflasche und dann über den Kochaufsatz und setzt sich auf den Hintern. Ob dieser peinlichen Vorstellung sucht er endlich das Weite.

Donnerstag, 14. August 1997

Wir erkunden Göteborg. In kleinen Gruppen machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Es wimmelt von hübschen Mädchen. Mancher bekommt Konzentrationsschwierigkeiten und weiß nicht, wo er zuerst hinsehen soll. Dann sehen wir IHN: den King of Pop. Michael Jackson ist in der Stadt. In einem Klamottenladen singt er plötzlich. Sofort füllt sich die Einkaufspassage mit kreischenden Mädchen, die ständig mit der Rolltreppe auf und ab fahren, um einen Blick auf ihr Idol zu erhaschen. Wir nehmen die Sache gelassener und sehen IHN später im Cabrio an uns vorbeifahren. In Göteborg ist Segelschiffparade. Auf dem Rückweg zu unserem Park treffen wir einen Skipper (natürlich besoffen), der vom Bürgermeister empfangen werden soll, aber nicht weiß wo. Wir schicken ihn zum Rathaus, die Straße runter und dann links. Er kommt sich veräppelt vor: "Wenn ich in Köln irgendwo hin will, sagen mir auch alle 'Die Straße runter und dann links.'". Wir müssen zugeben, daß es wirklich albern klingt. Stimmt aber trotzdem. Daniel kauft sich ein Humor-Amulett. Leider funktioniert es nicht richtig. Abends veranstalten wir das Abschlußessen in einer Vorstadtpizzeria. Trotz Vorankündigung überfordern 23 Leute die Besitzer sichtlich und nur mit der Hilfe einer dolmetschenden Kundin, die sich unseretwegen den halben Abend um die Ohren schlägt, läuft die Sache halbwegs geregelt ab. Danach kaufen wir im Supermarkt, der immer noch offen hat die Tschai-Zutaten und beenden den Abend mit einer Singerunde im Park.

Freitag, 15. August 1997

Wir verlassen Göteborg mit dem Nachmittagszug Richtung Helsingborg. Dort steigen wir in den Zug nach Kopenhagen, wo wir schließlich den Nord-Express entern. Daniel hatte sich die ganze Fahrt über gefreut, daß er als einziger im Besitz dänischer Kronen ist und in Kopenhagen auf den Putz hauen kann. Leider ist unser Zug verspätet und da wir sowieso nur fünfzehn Minuten Umsteigezeit hatten, entfällt leider jegliche Einkaufsmöglichkeit.

Samstag, 16. August 1997

Der Tag beginnt auf dem Fährschiff zwischen Rødby und Puttgarden. Martin will während der Überfahrt mit seiner Horte auf dem Schiff spazieren gehen. Im Hafenbahnhof erwacht er von der rauhen Rangiererei. Zu seinem Entsetzen erfährt er jedoch, daß wir soeben von der Fähre heruntergerollt sind und kommt sich veräppelt vor. Der Nord-Express fährt nach Dortmund. Da wir jedoch auf die billige Tour mit dem Wochenend-Ticket reisen, steigen wir in Lübeck wieder aus. Zum Glück steht der morgendliche Bummelzug nach Hamburg schon am Bahnsteig, so daß wir uns im Zug breitmachen und prompt einschlafen. Um kurz nach sechs erreichen wir Hamburg. Mit weiterem Umsteigen in Bremen, Osnabrück und Münster vergeht der Vormittag. Schließlich erreichen wir Schwerte. Der Ersatzbus, der wegen Bauarbeiten statt des Zuges fahren soll, ist natürlich weg. Wir kapern den Linienbus nach Iserlohn und steigen ein. So erreichen wir schließlich doch noch den Iserlohner Bahnhof. Der Rest ist Geschichte.

Hüby und Stefan Paul